Die Sprache des Gänseblümchens
von Kurt Willi

Gänseblümchen wachsen wild und blühen meist unbeachtet. Vor allem Kinder bücken sich nach ihnen und machen Blumensträusse, Haarschmuck oder Blumenkettchen daraus und schenken sie den Eltern oder einem anderen Menschen, den sie lieb haben. Auf meinem Pult liegt so eine Blumenkette, ein kleines Zeichen der Freude, der Liebe, der Dankbarkeit. Blumengeschäfte verkaufen keine Gänseblümchen. Die kostbarsten Dinge wie Freude, Liebe, Dankbarkeit und Gesundheit können nicht gekauft werden.
Mich sprechen immer wieder auch die Bescheidenheit und der Lebenswille an, welche die Gänseblümchen vermitteln. Im Frühling sind sie die Ersten, die uns am Wegrand grüssen. In diesem Jahr blühten sie schon in der Februarsonne neben Christrosen. Sie erfreuten jeden, der ihr Strahlen beachtete. Weder verspätete Kälte noch brennende Hitze vermögen die Kraft, die in den Wurzeln und Blättern dieser kleinen Pflanzen liegt, zu schmälern. Auch von Fusstritten erholen sie sich bald wieder. Und wenn der Rasenmäher über die Wiese rollt, scheint im Moment zwar alles zerstört zu sein, aber schon am andern Morgen kommen einzelne Gänseblümchen zwischen den abgeschnittenen Gräsern hervor. In wenigen Tagen strahlen sie wieder in unverminderter Kraft.
So sind diese bescheidenen Blümchen uns in ihrer Symbolkraft immer wieder Aufmunterung, allen Widerständen und Gefahren zu trotzen und von neuem aufzustehen. Sie sagen uns auf zarte Weise: «Geh deinen Weg bewusst und immer wieder neu gestärkt weiter, du wirst immer wieder Grund haben, dich zu freuen.»