Ist Glaube überholt?
von Andreas Kägi

Vor einiger Zeit wurde ich von einem Herrn angesprochen, der mir ein christliches Traktat in die Hand drücken wollte. Ich sagte ihm, dass ich bereits an Gott glaube. Er meinte, dass er nicht glaube, sondern wisse. Wenn ich ja nur glaube, sei ich ja nicht sicher. Ich entgegnete ihm, dass es ja genau darum "Glaube" heisse. Und ja, ich sei nicht sicher.

Aber diese Gedanken haben mich nicht mehr losgelassen. Ist mein Glaube weniger wert, weil ich doch noch einige Zweifel habe? Hat mich Gott deshalb weniger lieb?

Heute wird unsere Herkunft wissenschaftlich untersucht. Mit Blick ins All und in die Atome wird alles analysiert, interpretiert, in Formeln gepackt und als «Wissen» verkauft. Das Leben, unsere Gedanken, sogar der Glaube sei angeblich nur eine Folge von chemischen Reaktionen.

Aber wer hat sich diese komplexen Vorgänge ausgedacht? Ist das alles nur Zufall und das Resultat eines grossen "Chlapfs"? Das genauste Zusammenspiel unserer Gestirne, damit Leben auf der Erde überhaupt möglich ist? Die Komplexität der Biosphäre? Zeugung und Vererbung, Geburt und Entwicklung eines Menschen?

Einerseits erscheinen mir die ganzen wissenschaftlichen Erklärungen plausibel. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht Gott seine Finger im Spiel haben soll.

Noch ein Gedanke, frei nach Blaise Pascal (Mathematiker, christl. Philosoph, 17. Jh): Wo kann ich am Ende am meisten gewinnen und am wenigsten verlieren?
Ich glaube an Gott und er existiert (Gewinn).
Ich glaube nicht an Gott, aber er hätte existiert (Verlust).
Falls es ihn nicht gibt, habe ich in beiden Fällen weder etwas gewonnen noch verloren.

Glaube ist längst nicht überholt.